Spuren des Lebens im Eisenerz


In der oberen Schicht des Erzlagers, dem so genannten Erzkopf (Omissionsschicht), lagen viele Fossilien. Sie kamen zutage, als das Eisenerzlager abgebaut wurde. In den tieferen Schichten enthält das Erzlager keine Fossilien. Beim Tagebau wurde der Erzkopf abgetragen, weil es nicht wirtschaftlich war, aus ihm das Erz zu gewinnen. Nur selten nahmen Bergarbeiter Ammoniten, die von ihnen wegen der aufgerollten Gehäuse "Schnecken" genannt wurden, mit nach Hause.

Erst, als das Bergwerk im Jahre 1969 stillgelegt wurde, kamen Fossiliensammler zum Kahlenberg. Ihnen ist es zu verdanken, dass die Fossilien aus den Murchisonae- Schichten bewahrt wurden. Heute ist das Erzlager für Sammler nicht mehr zugänglich. Die oberste Schicht des Erzlagers enthält an Ammoniten hauptsächlich Staufenia staufensis, sowie verschiedene Ludwigia-Arten. Von der für diese Schicht namengebenden Art Ludwigia murchisonae ist nur ein Exemplar bekannt. Es liegt im Geologischen Institut in Tübingen unter der Sammlungsnummer CE 1265/7. Außer den Ammoniten sind aus dem Erzlager weitere Vertreter der mit unseren heutigen Tintenfischen verwandten urtümlichen Kopffüßer bekannt - die Nautiliden und Belemniten. Ein Nachfahre der Nautiliden der Jurazeit ist Nautilus, das "Perlboot", ein beschalter Tintenfisch mit einem schneckenförmigen Kalkgehäuse. Diese Tiere leben noch heute im tieferen Wasser des westlichen Pazifiks. Wie die Ammoniten sind auch die Belemniten heute ausgestorben. Als versteinerte Überreste wurden ihre zigarren- bis pfeilförmigen Kalkgehäusereste erhalten, die im Volksmund "Donnerkeile" oder "Rabenfinger" genannt werden. Die Belemniten-Arten des Erzkopfes sind klein. Die verschiedenen Muschelschalen in dieser Schicht sind stark vererzt und schlecht erhalten. Unter ihnen gibt es mehrere Trigonia-Arten, von denen aber nur einzelne Schalenhälften gefunden wurden. Die Muschel Entolium demissum bildet ganze Pflaster. Die Schnecken sind im Erzlager mit verschiedenen Pleurotomarien vertreten. Dies sind urtümliche Gehäuseschnecken, die schon seit der Triaszeit die Meere des Erdmittelalters bewohnen.

Die Gattungen Trochus und Eucyclus sind selten. Die Solitär-Koralle Montlivaltia und die mehrkelchige Koralle Complexastrea sind von gedrungener Gestalt, was auf eine starke Meeresströmung schließen lässt. Der im Meeresgrund grabende Seeigel Galeropygus kommt ebenfalls bereits im Erzlager vor. Die Schwämme und Moostierchen - kleine, kolonienbildende Meeresbewohner - sind unscheinbar. Alle Fossilien haben die rote Farbe des Erzlagers.

Die Muschelbänke der Gryphiten-Schicht

Auf das Erzlager folgt die Gryphiten-Schicht. Nach früheren Zeugnissen soll die Auster Gryphea calceola hier mit jungen und erwachsenen Exemplaren ein so dichtes Lager gebildet haben, dass auf diesem sogar Fahrwege angelegt wurden. Beim Verlegen einer Leitung im Jahre 2001 wurde die Gryphiten-Schicht angeschnitten. Es kamen aber nur vereinzelte, schlecht erhaltene Gryphea-Exemplare zum Vorschein. Das Lager dieser Muscheln ist anscheinend nur stellenweise vorhanden. Die Mergelschichten, die auf das Austernlager folgen, sind praktisch fossilfrei. Lediglich ein Ammonit, dessen Gattungszugehörigkeit nicht bestimmt werden konnte, wurde hier gefunden.

Meerestiere aus der Unteren Erzbank

Die Untere Erzbank enthält reiche Überreste der Meeresbewohner der Jurazeit. Im Jahr 1999 wurde die Deponiefläche erweitert. Dabei wurde die Untere Erzbank großflächig freigelegt. Fossiliensammler nutzten die Gelegenheit, sie nach versteinerten Lebewesen abzusuchen. Im unteren Teil der Erzbank wurde der Leitammonit Graphoceras concavum entdeckt. Viele Ammoniten dieser Gattung ähneln den Hyperlioceras- Ammoniten, so dass die Artbestimmung sehr schwierig ist. Hier wurde auch der außergewöhnliche Ammonit Lytoceras geborgen. Aus dem obersten Teil der Erzbank ragten die andernorts sonst so seltenen Ammoniten der Gattung Eudmetoceras heraus. Sie konnten mit wenigen Hammerschlägen aus dem Gestein befreit werden. Auf 50 Quadratmetern Fläche lagen ungefähr zehn Exemplare dieser Ammoniten. Leider waren die meisten von ihnen nur unvollständig erhalten.

Auch die Schnecken und Muscheln, die noch so im Gestein steckten, wie sie vor Jahrmillionen dort eingebettet wurden, sind schlecht erhalten. Als die Schicht des Unteren Erzbandes vom starken Regen abgewaschen wurde, kamen auch die Kleinfossilien zum Vorschein. Dazu gehören die nur einen Zentimeter großen keulenförmigen Stacheln des Seeigels Balanocidaris und das Gehäuse des abgeflachten Seeigels Galeropygus. Die Kleinschnecke Nododelphinula kommt nur in dieser Schicht vor. Sie ist höchstens einen halben Zentimeter hoch. Die Skulptur ihrer schönen Schale ist gut erhalten. Die Schwämme, Moostierchen und Armfüßer blieben ebenfalls kleinwüchsig. Die Belemniten dieser Schicht erreichten aber schon bis zu 15 Zentimetern Länge. Auch Überreste von erdmittelalterlichem Treibholz wurden hier gefunden. Es zerfällt aber, wenn das Gestein trocknet. Die Fossilien aus dem Unteren Erzband zeigen durch ihren Eisengehalt ebenfalls eine rote Färbung.

Funde in der Mergelschicht

Über dem Erzband befindet sich eine graue bis graurote Mergelschicht mit vielen Gesteinsknollen. Diese so genannten Konkretionen bestehen teilweise aus Schalenschill, von der Strömung zusammengeschwemmten Muschelschalen. Beim Aufschlagen kamen hier sehr gut erhaltene Ammoniten - darunter Hyperlioceraten, Eudmetoceraten, Sonninien und ganz selten sogar Hammatoceraten - zum Vorschein. Die Knollen gaben auch Haifischzähnchen, kleine Muscheln und Schnecken frei.

Als große Besonderheit gilt der Fund eines "Aptychus", das ist der Unterkiefer eines Ammoniten. Die Präparation der Fossilien aus diesen harten Knollen ist sehr mühsam und langwierig. Dafür wird man aber durch den besonders guten Erhaltungszustand der schwarz glänzenden Fossilien belohnt. Die Mergel der Zwischenschicht zwischen dem Unteren und dem Oberen Erzband wurden auf Halden zwischengelagert, als die Deponiefläche erweitert wurde. Tausende von Belemniten in allen Größen und Formen bedeckten damals deren Oberfläche. Die ebenfalls zahlreichen Muscheln bestanden nur als Abdrücke im Mergel und zerfielen bei der Bergung. Die gleichen Ammoniten-Arten wie in den Knollen kamen hier meistens zerdrückt, aber in etwas größeren Exemplaren vor. Teilweise waren sie pyritisiert. Die Farbe der Fossilien aus diesen Mergeln ist grau. Unter dem Oberen Erzband lag ebenfalls eine Gesteinsschicht mit hellgrauen Knollen. Ihr Inhalt bestand manchmal nur aus einem Ammoniten, dessen Rücken schon außen an der Knolle sichtbar war. Meistens handelte es sich dabei um einen flachscheibigen, engnabligen Hyperlioceras, seltener um einen gerippten und mit weitem Nabel versehenen Euhoploceras.

Die Fossilien des Oberen Erzbandes

Das Obere Erzband war großflächig über mehrere Jahre freigelegt, da es während des Deponiebetriebes als Fahrstraße und Stellplatz für die Schwerlastkraftwagen benutzt wurde. Das war eine günstige Gelegenheit für die Sammler, den Fossilgehalt dieser Schicht durch jahrelange Arbeit zu erforschen und ihre Sammlungen zu vervollständigen. In den unteren zwei Dritteln des etwa 70 Zentimeter starken Erzbandes fanden sich Ammoniten - hauptsächlich verschiedene Arten der Gattung Hyperlioceras mit bis zu 26 Zentimetern Durchmesser und Euhoploceras-Exemplare der gleichen Größe. Auf der obersten Schicht lagen riesenwüchsige Ammoniten: die Sonninien.

Die Sonninia-Fossilien vom Kahlenberg sind eine Besonderheit: sie kommen auf der ganzen Welt vor, erreichen aber nur selten die Größe der hier gefundenen Stücke. Mit der Wohnkammer, die aber meistens bei der Bergung zerfiel, konnten sie bis zu 80 Zentimeter Durchmesser erreichen. Die Sonninien sind in ihrem Aussehen sehr variabel: ihr Nabel ist unterschiedlich weit und die Windungen haben anfänglich Rippen oder Dornen, die aber auf den Außenwindungen verschwinden. Ihr Rücken ist gekielt.

Wenn nach Regengüssen die Schicht des Oberen Erzbandes abtrocknete, konnte man durch die etwas abweichende Färbung des Gesteins diese knapp unter der Oberfläche liegenden Riesen entdecken. Dieses erforderte aber viel Erfahrung und ein gutes Auge. Nicht alle Ammoniten waren vollständig, was die Sammler nach schweißtreibendem Meißeln zu ihrem Leidwesen häufig erfahren mussten. Auf einer Fläche von etwa zwei Quadratmetern lag meist ein großer Ammonit. Es wurden aber auch kleine Ammoniten (Pelekodites sp.) gefunden, die den Innenwindungen der großen Exemplare entsprechen, aber ausgewachsen sind: Es sind die so genannten Micro-Conche mit höchstens zwei Zentimetern Durchmesser. Dass sie erwachsen sind, erkennt man an den löffel- oder ohrförmigen Fortsätzen an der Wohnkammer. Eventuell handelt es sich dabei um die im Vergleich zu ihren Artgenossinnen sehr viel kleineren Zwergmännchen der Sonninien. Als Rarität unter den Ammoniten tauchte hier erstmals ein Stephanocerate auf, vermutlich handelt es sich um Docidoeras. Dieser kleine, kugelige Ammonit mit einem Durchmesser von etwa sieben Zentimetern hat einen trichterförmigen Nabel. Die Rippen seines Gehäuses ziehen sich über den ganzen Rücken.

Nicht nur die Ammoniten sind im Oberen Erzband sehr groß. Auch die Schalen der Schnecken erreichen ungewöhnliche Größe. Die pyramidenförmigen Pleurotomarien können 15 Zentimeter Basisdurchmesser und eine Höhe von 16 Zentimetern erreichen. Etwas flachere Arten, deren Schalen Knoten und Spiralstreifen aufweisen, können bis zu acht Zentimetern groß werden. In dieser Schicht wurden auch verschiedene Kleinschnecken gefunden. Nautiliden und Belemniten konnten ebenfalls aus dem Oberen Erzband geborgen werden. Muscheln sind in dieser Schicht mit vielen Arten vertreten. Die meisten von ihnen, beispielsweise die Gattungen Pholadomya und Inoperna, wohnten im Meeresboden. Die Muschel Plagiostoma kann bis zu 20 Zentimeter groß werden.

An Korallen kommt im Oberen Erzband nur die Solitärkoralle Montlivaltia vor; häufig ist sie auf einer Ammonitenschale festgewachsen. Sie bleibt klein und flach, offenbar waren die Lebensbedingungen nicht günstig für sie. Das ovale, unten abgeflachte Gehäuse der kleinen Seeigelart Menopygus nodoti erreicht höchstens die Größe eines 1-Cent-Stückes. Es ist nur von der Oberfläche dieses Erzbandes bekannt. Kleine Keulenstacheln von Seeigeln sind Seltenheiten. Die Armfüßer sind im Oberen Erzband klein und nicht häufig. Die Farbe des Oberen Erzbandes ist braunrot, nach Nordnordwest ändert es innerhalb weniger Meter Entfernung seine Farbe in grau. Dementsprechend verschiebt sich auch die Farbe der Fossilien von braun zu dunkelgrau. Das offen liegende Obere Erzband wurde bei der Erweiterung der Deponiefläche ebenfalls entfernt. Die dabei geborgenen Fossilien - darunter einige der größten hier je gefunden Exemplare der Sonninien - sind in der kleinen Fossilienausstellung des ZAK zu besichtigen.

Funde aus dem Dritten Erzband

Über dem Oberen Erzband liegen bis zu sechs Meter starke Mergelschichten. Sie sind weitgehend fossilfrei. In diese Mergel sind lang gestreckte, wurstförmige Tonknollen eingelagert. Von den weniger erfahrenen Sammlern wurden sie häufig für Belemniten gehalten. Das in die Mergelschichten eingelagerte Dritte Erzband ist durch eine fünf bis zehn Zentimeter dicke Mergelschicht zweigeteilt. Fossilien aus dem Dritten Erzband waren aus den früheren Aufnahmen des geologischen Profils nicht bekannt. Als diese Schicht intensiv abgesucht wurde, kam jedoch eine erstaunliche Artenvielfalt zutage.

Während Schwämme und Moostierchen bei den älteren Schichten nur eine untergeordnete Rolle spielten, sind sie hier die bestimmenden Tiergruppen. Die Schwämme überwucherten Schnecken- und Muschelschalen, mit den Moostierchen konkurrierten sie erbittert im Überlebenskampf. Es gibt kugelförmige Schwämme, aus denen oft noch die kleinen Äste der Moostierchen-Kolonien ragen, die von den Schwämmen erstickt wurden. Andere Schwämme sind ohrförmig und haben etwas gröbere Maschen, wieder andere bildeten Zitzen aus. Bei geeigneten Bedingungen, beispielsweise wenn sie auf einer großen Muschel wuchsen, konnten sie eine Größe von bis zu 15 Zentimetern erreichen. Die Moostierchen wuchsen ebenfalls auf festen Unterlagen. Manche Arten überzogen diese flächig wie eine Folie, andere bildeten Ästchen aus und sahen kleinen Bäumchen ähnlich. Aufrecht stehende blattförmige Kolonien sind auf beiden Seiten mit den kleinen Öffnungen der Moostierchen besetzt. Aus dem Dritten Erzband stammt auch der Ammonit Witchellia laeviuscula, der vom Kahlenberg nur mit einem einzigen Exemplar bekannt ist. Etwas häufiger ist der kleinere Ammonit Pelekodites, der auch mit den löffelförmigen Schalenfortsätzen, den so genannten Apophysen, erhalten wurde. Kleine Belemniten konnten häufig aus dem Dritten Erzband geborgen werden. Nautiliden finden sich in dieser Schicht selten und sind nur schlecht erhalten.

Die Schnecken sind wieder am häufigsten durch die Pleurotomarien vertreten. Einige davon zählen zu den am schönsten erhaltenen Arten am Kahlenberg. Zum ersten Mal tritt im Dritten Erzband die kreiselförmige Schnecke Pyrgotrochus auf. Auch die stachligen Eucyclus-Schnecken und die nadelförmigen Pseudomelanien sind hier häufig. Die kleine, kugelförmige und glatte Schnecke Ataphrus kommt nur in dieser Schicht vor. Zahlreiche Wühlspuren zeugen von lebhaften Aktivitäten grabender Organismen. Die Muscheln sind meist nur als schlecht erhaltene Steinkerne vorhanden. Die dickschaligen Isognomiden erreichen eine beträchtliche Größe. Ihre Schale ist teilweise von Moostierchen besiedelt, selten finden sich auch kleine Korallen als Aufwuchs. Die Skelettteile der Seesterne, Seelilien und Seeigel sind im Dritten Erzband nicht häufig. Kleine Krebsscheren und -beinglieder konnten nach Regenfällen auf der Schicht aufgelesen werden. Sogar die kleinen Panzer des im Boden wühlenden Krebses Glyphea wurden in diesem Erzband erhalten.

Fossilien der Blaukalke

Die so genannten Wedel-Schichten sind nahezu fossilfrei. Erst in den Blaukalken sind wieder reiche Spuren vorzeitlichen Lebens zu entdecken. Diese mächtigen Blöcke bestehen aus zwei Schichten, die von einem etwa zehn Zentimeter starken Mergelband getrennt werden. In der unteren Blockschicht kommen an Ammoniten der kugelige und grob berippte Otoites sauzei vor, dessen Namen diese Gesteinsschicht trägt. Daneben finden sich seltener Ammoniten der viel größeren Gattung Emileia. Diese gilt als das weibliche Gegenstück zu Otoites. Die meisten Exemplare sind jedoch nur mäßig gut erhalten. An Stelle der Sonninien, die in dieser Schicht zum letzten Mal zu finden sind, treten hier oft Ammoniten aus der Verwandtschaft der Stephanoceraten auf. Die Muschel Entolium demissum kann in den Blaukalken ganze Pflaster bilden. Die meisten anderen Muschelarten finden sich in der Mergelschicht zwischen den Blaukalkblöcken. Sie sind fast ausschließlich als Steinkerne erhalten, aber so zahlreich, dass man sie "wie die Kartoffeln aufsammeln" kann, wie es ein Sammler einmal ausdrückte. Die Schalen der Schnecken sind oft stark beschädigt, die seltenen Nautiliden und die Belemniten sind jedoch in gutem Zustand.

Die Armfüßer nehmen in den Blaukalken an Menge und Körpergröße zu. Dabei werden die glatten Schalenklappen der Terebratuliden größer als die gerippten der Rhynchionelliden. Moostierchen sind in den Blaukalken hauptsächlich mit der ästchenförmigen Gattung Ceriopora und der auf Schalen aufgewachsenen Berenicea vertreten. Schwämme wie Lymnorea können sehr groß werden, sind aber selten. Viele bis zu 15 Zentimeter lange Stacheln und andere Gehäuseteile von Seeigeln können hier geborgen werden. Komplette Seeigelgehäuse sind extrem selten.

Auf den vom Regen abgewaschenen Blaukalkblöcken können aber die kleinen Stielglieder von den mit Seeigeln und Seesternen verwandten Seelilien aufgesammelt werden. In dem Zeitalter, aus dem die Blaukalke stammen, erlebten die Korallen eine Blütezeit. Die Solitärkoralle Montlivaltia kann in dieser Schicht bis zu fünf Zentimeter Durchmesser erreichen. Die ebenfalls aus mehreren großen Kelchen bestehende Complexastrea bildet kleine Kuppeln von bis zu sechs Zentimetern Durchmesser. Erstmal treten hier zwei Arten von großen stockbildenden Korallen auf, die Gattungen Thamnasteria und Isastrea. Die Koralle Thamnasteria kann auf Gestein aufwachsen und dieses mit einer dünnen Schicht überziehen oder frei auf dem Meeresboden liegen. Dabei erreicht sie einen Durchmesser von bis zu 30 Zentimetern, bildet manchmal aber auch dicke Korallenblöcke. Ihre Kelche sind nur wenige Millimeter groß und gehen in die Nachbarkelche über. Die Koralle Isastrea besitzt Kelche von bis zu einem Zentimeter Größe, die von den Nachbarkelchen abgetrennt sind. Sie wächst zu massiven, meist runden Stöcken heran, bleibt aber kleiner als Thamnasteria.

Auch die Hahnenkammaustern erlebten ihre Blütezeit, als die Blaukalke entstanden. Ihretwegen ist der Kahlenberg bei Sammlern weithin berühmt. Fossilienliebhaber nehmen weite Anfahrtswege in Kauf, um sie zu bekommen. Die Hahnenkammauster Lopha marshii ist in ihrer Wuchsform sehr variabel, kein Exemplar gleicht dem anderen. Bei einigen sind die Schalenränder stark gefaltet, andere haben viele kleine Zacken. Manche sind schmal und hoch gewachsen, andere dagegen breit und flach. Die junge Auster brauchte einen festen Untergrund, um wachsen zu können. Sie heftete sich deshalb an allem fest, was dafür geeignet war. Passende Unterlagen konnten auch Reste von Belemniten, Ammoniten, Schnecken, ihre eigenen Artgenossen oder sogar Seeigelstacheln sein. Dabei bildete sie ihre Unterlage auf der Schalenoberseite nach. Noch heute kann man deshalb erkennen, was der Auster damals als Untergrund diente, auch wenn es selbst nicht mehr erhalten ist. Mit etwas Glück lassen sich auch ganze Austernbänke finden, bei denen bis zu fünf Exemplare kreuz und quer übereinander gewachsen sind. In den oberen Blöcken der Blaukalke finden sich Dorsetensien, das sind flache scheibenförmige Ammoniten. Sie sind mit den Sonninien verwandt. Seltenheiten sind Fundstücke aus einer weiteren Ammonitenfamilie, den Strigoceraten.

Die Humphriesianum- und Blagdeni-Schichten

Die auf die Blaukalke folgenden Humphriesianum-Schichten gehen ohne deutliche Grenze in die Blagdeni-Schichten über. Sie können nur anhand der Ammonitenfunde voneinander unterschieden werden. Andere Fossilien wie Schnecken, Muscheln und Seeigel gleichen sich in beiden Schichten. In den Humphriesianum-Schichten nimmt die Artenzahl der Ammoniten aus der Verwandschaft der Stephanoceraten zu. Der Ammonit Chondroceras ist ihnen ähnlich, kommt aber nur in einer kleinen Kalkbank vor. Einer der größten weltweit jemals bekannt gewordenen Ammoniten der Art Stephanoceras humphriesianum konnte hier am Kahlenberg geborgen werden. Die oberste der geologischen Zonen des Braunen Jura am Kahlenberg wurde nach dem Ammoniten Teloceras blagdeni benannt. Die zigarrenförmigen Schalenreste des Belemniten Megateuthis gigantea werden in dieser jüngsten Schicht des Doggers bis zu 40 Zentimetern lang. Auch die Nautiliden erreichen mit einem Durchmesser von fast 35 Zentimetern hier die größten Formen. Die Fossilien aus diesen Schichten sind in sehr gutem Zustand. Die Schalen der linsenförmigen Schnecke Obornella und die einem Kinderkreisel ähnliche kegelförmige Schnecke Pyrgotrochus sind vollständig erhalten und zeigen alle Einzelheiten.

Unter den Korallen ist die Stockkoralle Isastrea dominierend. Mit ihrem runden Wuchs erreicht sie einen Durchmesser von 20 Zentimetern. Die Schwämme bilden Stöcke von bis zu 20 Zentimetern Höhe aus. Die wenigen bekannt gewordenen regulären Seeigel mit ihren kugeligen, fünfstrahlig symmetrischen Gehäusen, beispielsweise der kleine Hemipedina und der etwas größere Stomechinus, stammen aus diesen Schichten. Zu den gesuchtesten Fossilien des Kahlenbergs zählen die Trigonien. Diese Muscheln kommen zwar auch in allen bisherigen Schichten vor, aber in den oberen Schichten sind ihre Schalen am besten erhalten. Von der gerippten Trigonia costata und der selteneren geperlten Myophorella clavellata wurden häufig Exemplare mit beiden Schalenhälften gefunden.

Die sehr seltenen Funde eines Wirbels und eines Oberschenkelknochens zeugen von riesigen Fischsauriern, die das Jurameer am heutigen Kahlenberg unsicher machten. Aus der zehn Meter starken Lössüberdeckung wurden hin und wieder Backenzähne und Stoßzahnfragmente von Mammut-Elefanten geborgen. Wegen seiner attraktiven Fossilien hat der Kahlenberg seit Ende des Bergbaus viele Sammler angezogen.

Bis heute gilt für sie hier immer noch, was schon Philipp Platz vor 150 Jahren niederschrieb: "Die Petrefakten (= Fossilien) lassen sich nur schwer aus dem Gestein entfernen."