Naturgeschehen


Pflanzen - Die Orchideen

Innerhalb der riesigen Insektenfülle der Erde nehmen Schmetterlinge in der Interessen- und Schönheitsskala der Menschen einen hohen Stellenwert ein. Sie gelten als "Adel" unter den Insekten. Unter den Pflanzen sind die Orchideen genauso beliebt.
Die Artenzahl der Orchideen der Erde ist bis heute nicht genau bekannt. In einigen botanischen Listen werden zwischen 10.000 und 35.000 Arten aufgeführt. Die Orchideen gehören damit zu den größten Pflanzenfamilien überhaupt. Viele Betrachter erfreuen sich an exotischen Orchideen, die wir heute in reicher Auswahl von den Gärtnereien und Pflanzenschulen Südostasiens erhalten. Sie bereichern als üppiger Blumenschmuck Geburtstagstische und Festlichkeiten. Unsere heimischen Erdorchideen sind wesentlich unauffälliger. Sie sind in den Magerrasen und Waldsäumen des Kahlenberg-Areals nicht ohne weiteres zu entdecken. Ihre Blütenstände sind meist kleiner als die ihrer tropischen Verwandten, aber auch "en miniature" können sie es an Schönheit mit manchen Exoten aufnehmen.

Der Orchideenbestand des Kahlenberg-Areals seit 1970


Insgesamt wurden 1998 im Land Baden-Württemberg in einer Bestandserhebung 55 Orchideenarten aus 26 Gattungen gezählt.

Davon wurden seit 1970 auf dem ZAK-Gelände Ringsheim 18 Orchideenarten gefunden, die zehn Gattungen angehören. Im Sommer 2006 hat sich diese Artenliste verändert. Das Kahlenberg- Areal wurde aufmerksam abgesucht. Trotzdem konnten das Affen-Knabenkraut, das noch 1987 gesehen wurde, das Purpur-Knabenkraut und die Braune Stendelwurz, die zuletzt 1972 gefunden wurden, nicht mehr entdeckt werden. Der Verlust der drei angeführten Arten konnte durch eine neu hinzugekommene Art, die Bocksriemenzunge (Himantoglossum hircinum) etwas gemildert werden.

Daraus ergibt sich ein aktueller Orchideenbestand am Kahlenberg von insgesamt 15 Arten aus 10 verschiedenen Gattungen.

Erfreulich ist, dass durch gezielte Pflegemaßnahmen der Gesamtbestand der Orchideen deutlich zugenommen hat. Besonders die Bestände der Bienenorchidee (Ophrys apifera), des Helmknabenkrauts (Orchis militaris), der Händelwurz (Gymnadenia conopsea) und der Sumpfstendelwurz (Epipactis palustris) auf den beiden oberen, regenerierten Terrassen haben sich vergrößert.

Zur Freude aller Naturfreunde haben sich die prächtigen Bienenfresser- Vögel aus dem Süden in den letzten Sommern dazu gesellt und brüten in den noch verbliebenen Löss-Auflagen über dem Doggergelände. Bestände der Sumpfstendelwurz und anderer von Jahr zu Jahr zunehmender Orchideenarten sowie des seltenen Durchwachsenen Bitterlings treffen wir in weiterer Umgebung nicht an. Schon deshalb kann das ZAK-Areal als beispielhafte Renaturierungsanlage betrachtet werden.

Gattungen und Arten auf dem Kahlenberg-Areal


Die zehn Gattungen auf dem Kahlenberg-Areal:
Deutsche Namen Wissenschaftliche Namen
Stendelwurz                                        Epipactis
Waldvögelein Cephalanthera
Zweiblatt Listera
Waldhyazinthe Platanthera
Händelwurz Gymnadenia
Fingerwurz Dactylorhiza
Knabenkraut Orchis
Hundswurz Anacamptis
Riemenzunge Himantoglossum
Ragwurz Ophrys

Die gefundenen Orchideenarten auf dem Kahlenberg-Areal:

Deutsche Namen Wissenschaftliche Namen
Sumpfstendelwurz Epipactis palustris
Breitblättrige Stendelwurz Epipactis helleborine
Braunrote Stendelwurz* Epipactis atrorubens*
Weißes Waldvögelein Cephalanthera damasonium
Schwertblättriges Waldvögelein          Cephalanthera longifolia
Großes Zweiblatt Listera ovata
Zweiblättrige Waldhyazinthe Platanthera bifolia
Mückenhändelwurz Gymnadenia conopsea
Fleischfarbenes Knabenkraut Dactylorhiza incarnata
Breitblättriges Knabenkraut Dactylorhiza majalis
Geflecktes Knabenkraut Dactylorhiza maculata
Brandknabenkraut Orchis ustulata
Affenknabenkraut* Orchis simia*
Helmknabenkraut Orchis militaris
Purpurknabenkraut* Orchis purpurea*
Pyramiden-Hundswurz Anacamptis pyramidalis
Bocksriemenzunge Himantoglossum hircinum
Bienen-Ragwurz Ophrys apifera

* 2006 verschollene Arten




Biologie der Orchideen


Orchideen zählen wie ihre nächsten Verwandten, die Lilien und Gräser, zu den Einkeimblättrigen Pflanzen. Ihre Keimlinge bilden zunächst nur ein Blatt aus. Die meisten anderen Familien gehören den Zweikeimblättlern an. Deren Blattnerven sind netzartig verzweigt, während Orchideen, Lilien und Gräser parallel verlaufende Blattnerven haben. Viele Orchideen bilden eine Blattrosette, aus der sich stets nur ein Blütenstängel erhebt. Meist trägt er noch einige kleinere Laubblätter, beispielsweise bei den Gattungen Orchis und Ophrys. Die Waldvögelein- und Stendelwurz-Arten haben keine Blattrosetten. Der Bauplan der Orchideenblüte zeigt fast immer denselben Aufbau. Es bestehen zwei Blattkreise mit je drei Blütenblättern. Das mittlere Blatt des inneren Blütenkreises ist die Lippe, das Labellum, das Insekten als Landeplatz dient. Wenn sich die Blüte entfaltet, zeigt die Lippe zunächst nach oben, dann dreht sich der Fruchtknoten um 180 Grad, so dass die Lippe nach unten zeigt. Diese für Orchideen typische Drehung nennt man Resupination.

Viele weiße oder rosafarbene Blütenblätter glitzern in der Sonne. Dieser Effekt entsteht durch ihre große Zellstruktur. Manche Orchideenarten sind an Stängel und Blüten mit Härchen besetzt, andere dagegen glatt. Die Lippe einer Bienenorchidee ist kompliziert aufgebaut. Sie hat Höcker und Rillen, ihre Oberfläche ist an manchen Stellen glatt und spiegelnd, an anderen samtig oder sogar behaart. Auch die unterirdischen Pflanzenteile der Orchideen sind ungewöhnlich aufgebaut. Sie haben keine gewöhnlichen Wurzeln, sondern fleischige Wurzelstöcke - so genannte Rhizome - bei der Stendelwurz, rübenförmige Knollen bei der Drehwurz, handförmige Knollen bei der Händelwurz oder rundliche Knollen bei den Gattungen Ophrys und Orchis. Von den Arten der letzteren Gattung stammt der Name Orchideen, der sich vom griechischen Wort "Orchis" = Hoden ableitet. Diese unterirdischen Organe haben nicht nur die Aufgabe, das Wasser zu leiten und zu sammeln, sie speichern auch Nährstoffe wie beispielsweise Stärke.

Bestäubung und Fortpflanzung


Männliche und weibliche Fortpflanzungsorgane sind bei unseren Orchideen zu einer Griffelsäule, dem Gynostemium, verwachsen. Die Pollenkörner der meisten heimischen Orchideen liegen in Pollenfächern. Sie sind zu zwei Paketen verklebt, die oft auf jeweils einem Stielchen sitzen und unten mit einer Klebleiste ausgestattet sind. Diese Pollinien werden den Futter suchenden Insekten auf den Kopf, den Rüssel, sogar auf den Hinterleib geklebt. Manche neigen sich nach kurzer Zeit nach vorne zum Kopf des bestäubenden Insekts und können so die Narbe der etwas später besuchten Blüte der selben Orchideenart erreichen. Bienen, Hummeln, Wespen und Schmetterlinge sind die Bestäuber der Orchideen. Die Pflanzen locken sie meist mit Düften, Farben und Nektar an. Entsprechend der bestäubenden Insektenart bieten die verschiedenen Orchideenarten die Nahrung unterschiedlich tief in der Blüte an. Die Stendelwurz sondert den Nektar für die sie besuchenden Wespen in der schüsselförmig vertieften Hinterlippe ab, da diese Insekten nur einen kurzen Rüssel haben. Bei der Riemenzunge sammelt sich der Nektar in einem kurzen Sporn. Tag- und Nachtfalterblumen wie die Waldhyazinthe oder die Mückenhändelwurz haben einen sehr langen Sporn, dessen Grund nur die langen Schmetterlingsrüssel auf der Suche nach Nektar erreichen können. Einige Arten wie die Bienenorchidee können ganz auf Insektenbesuche verzichten und bestäuben sich selbst.

War die Bestäubung einer Orchideenblüte erfolgreich, wachsen diese Samen recht schnell heran. Der Fruchtknoten schwillt stark an, und es entwickeln sich sehr viele winzige Samen. Sie besitzen kein Nährgewebe, sondern lediglich den Embryo mit einer öligen Schicht und einer leichten, verlängerten Hülle. Die Samen sind sehr leicht und verdriften mit dem Wind über größere Entfernungen. Um keimen zu können, sind sie auf ein Pilzgeflecht angewiesen. Dies dringt in den Samen ein, während es in der Erde wächst und versorgt die keimende Pflanze mit Nährstoffen, Wasser und Vitaminen.

Jede Orchideenart ist so zumindest anfangs auf eine enge Lebensgemeinschaft mit einer ganz spezifischen Pilzart angewiesen. Diese Symbiose von höheren Pflanzen mit Pilzen nennt man Mykorrhiza. Unter günstigen Voraussetzungen ist die Zeitspanne zwischen der Aussaat und der Blüte der jungen Pflanze kurz. Ein gutes Beispiel dafür ist die Stendelwurz, die sich auf den Terrassen des Kahlenbergs stark vermehren konnte. Dort finden mehrere Orchideenarten auf mageren Böden mit lockerem Pflanzenbewuchs die besten Lebensbedingungen vor.

Sumpfstendelwurz


Die Sumpfstendelwurz (Epipactis palustris) wird 20 bis 70 Zentimeter hoch, der Stängel ist kräftig, im oberen Teil behaart und bis zur Mitte beblättert. Die Wurzel besteht aus einem waagrecht oder senkrecht verlaufendem Wurzelstock und zahlreichen, verdickten Wurzeln. Nicht alle Sprosse der Pflanze bilden Blüten aus. Die Blätter sind lanzettlich, werden nach oben schmaler, graugrün, leicht rillig und haben ausgeprägte Blattnerven. Die mittleren Blätter sind bedeutend länger als die Stängelglieder. Die Blätter sind aufrecht bis abstehend. Im Juni und Juli blüht die Sumpfstendelwurz. Die hängenden Blüten sind mit zwei Zentimetern Durchmesser ziemlich groß und spornlos. Die Blätter des äußeren Blütenkreises sind außen grün, innen meist rot, die des inneren Blütenkreises weiß mit roten Streifen. Die Lippe ist weiß und zweigliedrig. Im hinteren Teil, dem Hypochil, ist sie rötlich geädert und hat am Grunde eine gelbe, Nektar bildende Zone. Die Vorderlippe, das Epichil, ist beweglich, weiß und wellig mit einem gekerbtem Rand. Sie trägt am Grund zwei gelbrandige Leisten.

Die Sumpfstendelwurz hat ein breites Bestäuberspektrum: Hautflügler, Zweiflügler und Käfer wurden beim Blütenbesuch beobachtet, aber auch Selbstbestäubung ist möglich. Die Art kann sich durch Ausläufer vermehren, dadurch kommt das gesellige Wachstum zustande. Neue Wuchsorte kann sie jedoch nur durch flugfähige Samen erreichen, die eine größere Distanz zurücklegen können. Die Sumpfstendelwurz wächst zahlreich auf den Kalkmagerrasen des Doggers, die langfristig von Quell- oder Sickerwasser durchfeuchtet werden. Besonders auf der obersten Terrasse der FFH-Fläche kommt sie zusammen mit der Mückenhändelwurz (Gymnadenia conopsea), dem Fleischfarbenen Knabenkraut (Dactylohiza incarnata), der Blausegge (Carex flacca) und der Fiederzwenke (Brachypodium pinnatum) vor.

Breitblättrige Stendelwurz (Epipactis helleborine)


Die Pflanze wird 30 bis 120 Zentimeter hoch. Der Stängel ist grün und kräftig, im oberen Teil ist er geneigt und richtet sich erst zur Blüte auf. Die unteren Laubblätter sind breit bis eiförmig, die oberen sind kleiner. Die Breitblättrige Stendelwurz blüht im Juni bis August am Waldsaum des südlichen Kahlenberg-Wäldchens. Der Blütenstand kann bis zu 40 Zentimetern lang werden. Er trägt viele und dicht gedrängte Blüten, die sich meist in eine Richtung wenden. Zahlreiche der etwa 1,5 Zentimeter großen spornlosen Blüten sind grünlich, oft rot oder violett überlaufen. Der hintere Lippenteil ist napfförmig, dunkel und mit Nektar gefüllt. Die Pflanze wird von Wespen bestäubt. Der vordere Teil der Lippe ist herzförmig, hat zwei Höckerchen und seine Ränder sind gekerbt.

Weißes Waldvögelein (Cephalanthera damasonium)


Das Weiße Waldvögelein wird 20 bis 60 Zentimeter hoch. Die Pflanze wächst mit einer waagrecht kriechenden Grundachse, die oft verzweigt ist. Die Laubblätter sind eiförmig bis breitlanzettlich und zugespitzt, dunkelgrün und meist etwas glänzend. Das Weiße Waldvögelein blüht Anfang Mai. Der sechs bis 18 Zentimeter lange, kantige Blütenstand ist locker mit drei bis 14 mittelgroßen elfenbeinfarbenen Blüten besetzt. Die spornlosen Blüten öffnen sich kaum. Der äußere Blütenkreis ist spitz, der innere helmartig. Die Lippe ist zweigliedrig und am Grund gelb. Die Bestäubung erfolgt durch Selbstbestäubung und Insekten. Das Weiße Waldvögelein kommt noch vereinzelt an Waldsäumen und Straßen- und Wegrändern vor.

1989 wurden beispielsweise noch über 60 Pflanzen innerhalb des Kahlenberg-Areals gezählt, die aber den Erdarbeiten zum Opfer fielen. Eine Umsetzung führte nicht zum Erfolg. Bedauerlich ist, dass oft im frühen Mai die Wegränder zu weit abgemäht werden, so dass die sich entwickelnden Pflanzen immer wieder vernichtet werden. Darauf sollte mehr Sorgfalt gelegt werden, damit sich diese seltenen Pflanzen künftig weiter entwickeln können.

Schwertblättriges Waldvögelein (Cephalanthera longifolia)


Diese Orchidee ist ebenfalls eine Erdorchidee mit einer kurzen, kriechenden Grundachse und zahlreichen büscheligen Wurzeln. Die Pflanze blüht Mai bis Juni und wird 20 bis 50 Zentimeter hoch. Im Vergleich zum Weißen Waldvögelein sind ihre abstehenden bis steil aufgerichteten Laubblätter schmal. Der lang gestreckte Blütenstand kann bis über 30 Blüten tragen, die meist geschlossen oder höchstens halb geöffnet sind. Die Vorderlippe trägt vier bis sieben orangerote Längsleisten. Etwa zehn Exemplare des Schwertblättrigen Waldvögeleins wurden auf der FFH-Fläche entdeckt. Sie wuchsen als Halbschattenpflanzen im Saum von Gebüschen zusammen mit dem Gefleckten Knabenkraut (Orchis maculata).

Großes Zweiblatt (Listera ovata)


Das Große Zweiblatt ist eine Erdorchidee mit einem Wurzelstock und fleischigen Wurzeln. Die schlanke Pflanze wird 20 bis 80 Zentimeter hoch. Ihr Stängel ist kahl und im oberen Teil drüsig. Die Pflanze hat meist zwei breite bis ovale Blätter, darauf bezieht sich ihr Name. Sie werden bis zehn Zentimeter lang und liegen sich am Stängel fast gegenüber. Das Große Zweiblatt blüht von Mai bis Juni, der Blütenstand trägt bis zu 50 spornlose Blüten. Diese sind gelblich-grün bis grün und kurz gestielt. Die Blütenblätter bilden einen offenen Helm. Die Lippe dieser Art wird bis 1,5 Zentimeter lang. Sie ist tief zweispaltig mit einer Längsleiste, die Nektar absondert. Die häufige Art ist wenig anspruchsvoll an ihren Standort, sie kann auch auf gedüngten Wiesen wachsen. Diese Orchidee wächst auf den Halbtrockenrasen der FFH-Fläche, auch am Waldsaum des Kahlenbergs.

Dort kommen mehrere Hundert Pflanzen dieser Art vor.

Zweiblättrige Waldhyazinthe (Platanthera bifolia)


Die aus unterirdischen Knollen wachsende Pflanze wird 20 bis 60 Zentimeter hoch. Zwei sich fast gegenüberliegende, ovale bis breit lanzettliche Laubblätter befinden sich am Grund des Stängels. Darauf ist der Name zurückzuführen. Die Zweiblättrige Waldhyanzinthe blüht im Juni. An ihrer Blüte fällt die besonders einfach und zungenförmig gestaltete Lippe auf, die bei der zierlichen Zweiblättrigen Waldhyazinthe weiß ist. Ein sehr langer Sporn schließt sich an. Die Staubbeutelfächer stehen parallel zueinander. Die Pflanze kann sehr leicht mit der Bergkuckucksblume (Platanthera chlorantha) verwechselt werden. Bei dieser Art verlaufen die Staubbeutelfächer jedoch in der Form eines umgekehrten V, das heißt, sie entfernen sich im unteren Teil. Die Pflanze wird von Nachtschmetterlingen bestäubt. Im Kahlenbergbereich kommt sie sehr selten vor. Sie wächst an Waldrändern als Saumpflanze.

Mückenhändelwurz (Gymnadenia conopsea)


Diese auffallende Orchidee gehört zu den häufigsten am Kahlenberg. Der Name Gymnadenia ist auf die griechischen Wörter gymnos = nackt und aden = Drüse zurückzuführen. Der Artname conopsea ist von der mückenähnlichen Form der Blüte abgeleitet. Der Ursprung des deutschen Namens Händelwurz ist in der handförmigen geteilten unterirdischen Knolle zu finden. Die Knolle der Großen Händelwurz besteht aus drei bis fünf fingergroßen Abschnitten mit kurzen kräftigen Nebenwurzeln. Der Spross ist schlank und hat meist spitz zulaufende Laubblätter. Die Mückenhändelwurz blüht von Mitte Juni bis August auf den Magerrasen der Terrassen im FFH Gebiet des Kahlenbergs.

Der Blütenstand der bis zu 70 Zentimeter hohen Pflanze ist locker oder dicht gedrängt und vielblütig. Zwei Blütenblätter werden deutlich abgespreizt, die oberen hingegen vereinen sich zu einem Häubchen. Die dreilappige Lippe ist breiter als lang. Auffallend ist der bis zu eineinhalb Zentimeter lange, abwärts gerichtete Sporn, der im unteren Bereich Nektar enthält. Die Mückenhändelwurz wird meist von Tagfaltern bestäubt.

Fleischfarbenes Knabenkraut (Dactylorhiza incarnata)


Diese Orchidee bildet unterirdische Knollen. Sie wird 30 bis 80 Zentimeter hoch. Der Stängel ist hohl und kantig. Er ist hellgrün und im oberen Bereich oft purpurfarben überlaufen. Den Stängel umfassen fünf bis acht Laubblätter. Sie sind schmal, lanzettlich, gekielt bis gefaltet. Das Fleischfarbene Knabenkraut blüht Ende Mai bis Juni. Der Blütenstand ist fünf bis sieben Zentimeter lang und trägt 15 bis 40 Blüten. Die Blüten dieser Orchidee sind sehr verschieden gefärbt. Einige sind hell fleischfarben, andere Unterarten können dunkel oder hell fleischfarben sein. Die Lippe der Blüte ist schwach dreilappig und meist leicht gefaltet. Die Seitenlappen sind nach unten gebogen. Die Lippe ist im Zentrum hell und hat ein dunkelrotes Schleifenmuster. Die Blüten besitzen kantige Tragblätter, die unteren sind länger als die Blüten.

Das Fleischfarbene Knabenkraut ist häufig mit der Blausegge und der Sumpfstendelwurz vergesellschaftet. Es wächst in Ringsheim auf staunassen, kalkreichen Magerrasen. 1989 konnte festgestellt werden, dass es sich gegenüber früheren Jahren erfreulich vermehrt hat. Als die Terrasse mit der FFH-Fläche noch nicht angelegt war, wuchsen in den feuchten Rutschflächen zahlreiche Fleischfarbene Knabenkäuter, die Blütenstände über 35 Zentimetern Länge und eine Höhe von 80 Zentimetern erreichten. Sie wurden hier höher als die schönsten Exemplare im Taubergießen. Leider zeigten sich im Juni 2006 erst wenige Pflanzen. Dies steht vermutlich mit dem langen vorangegangenen Winter im Zusammenhang.

Breitblättriges Knabenkraut (Dactyloriza majalis)


Der Name des Breitblättrigen Knabenkrautes nimmt auf die kräftigen, oft dunkel gefleckten Blätter Bezug. Die gültige wissenschaftliche Artbezeichnung lehnt sich an die Blütezeit (lat. maius = Mai) an. Der hohle Stängel der 15 bis 60 Zentimeter hohen Pflanze trägt vier bis sechs große abstehende Blätter, die auf der Oberseite mit dunklen großen Flecken gezeichnet sind. Der im Mai bis Juni sichtbare Blütenstand ist dicht und vielblütig. Er trägt bis zu eineinhalb Zentimeter große lila- bis purpurfarbene Blüten. Die dunkel purpur gezeichnete Lippe ist dreilappig und trägt einen Sporn.

Die besonders geschützte Art ist überall zurückgegangen, besonders in den Schwarzwald-Seitentälern. Gründe dafür sind die Intensivierung der landwirtschaftlichen Nutzung, Verbuschung und Aufforstung, aber auch die Überdüngung mit Nährstoffen.

Geflecktes Knabenkraut (Dactylorhiza maculata)


Das Gefleckte Knabenkraut wächst in den bodensauren Magerrasen des FFH-Gebietes. Diese 20 bis 70 Zentimeter hohe Orchidee blüht im Juni und Juli, manchmal auch schon im Mai auf, wenn sich der markige Stängel vollständig gestreckt hat. Die bis zu 16 Millimeter großen Blüten sind dunkelviolett bis reinweiß, meistens bläulich violett. Sie sind mit Punkten, Strichen und Schleifenmustern auf der Lippe gezeichnet. Die Lippen der Einzelblüten sind nur schwach dreilappig, wobei der Mittellappen viel kleiner und oft kürzer als die Seitenlappen ist. Der reiche Blütenstand wirkt oben zugespitzt.

Die dunkelgrünen Blätter stehen vom Stängel der schlanken Pflanze ab und werden nach oben deutlich schmaler. Sie sind meist mit deutlichen runden Blattflecken gezeichnet.

Brandknabenkraut (Orchis ustulata)


Den Namen erhielt diese meist nur zehn bis 25 Zentimeter hohe, schöne Orchidee von der purpurrot bis bräunlichen Färbung ihrer Blütenhülle (lat. ustulare = anbrennen). Die Farbe fällt besonders bei den noch geschlossenen Blüten auf, die sich im Mai öffnen. Die Blüten des Brandknabenkrauts sind mit nur fünf bis sieben Millimetern Länge die kleinsten innerhalb der gesamten Gattung.

Im August blüht die sehr ähnliche Sommerform zum Beispiel im Kaiserstuhl-Gebiet. Am Kahlenberg sind Biotope, in denen diese zierliche Pflanze gedeihen kann, selten geworden. Der Rückgang dieser Art ist besonders auffallend. Ein Vorkommen auf einem schönen Halbtrockenrasen am Höhenweg des Kahlenbergs ist verschwunden. Möglicherweise haben so genannte "Pflanzenfreunde" einige dieser geschützten Pflanzen dort ausgegraben.

Helmknabenkraut (Orchis militaris)


Der Gattungsname Orchis, der zugleich der gesamten Pflanzenfamilie ihren Namen verlieh, leitet sich vom griechischen Wort orchis = Hoden ab. Er bezieht sich auf die während der Vegetationszeit bei allen Arten der Gattung vorhandenen beiden unterirdischen Speicherknollen. Eine von ihnen entsteht im Vorjahr, die zweite mit Vegetationsbeginn. Die oberflächliche Ähnlichkeit mit Hoden gab bereits im klassischen Altertum Anlass zu Spekulationen über eine aphrodisierende Wirkung der Pflanze. Den gleichen Ursprung haben deutschsprachige Gattungsbezeichnungen wie Füchshödlein und der gebräuchlichste Name - Knabenkraut. Beim Helmknabenkraut wird sprachlicher Bezug auf die helmartige Form der Blütenhülle genommen, die an eine mittelalterliche Sturmhaube erinnert.

Das Helmknabenkraut kann bis zu 55 Zentimeter groß werden. Es blüht von Mai bis Juni. Seine bis zu zwei Zentimeter großen Blüten sind äußerlich grau bis rosa gefärbt und haben innen kräftige Purpurstreifen. Die Art variiert in der Farbe von hellrosa mit kräftiger Zeichnung bis zum reinen Weiß. Die Lippe ist dreigeteilt, der Mittellappen ist am unteren Ende nochmals gespalten. Orchis militaris ist die am weitesten verbreitete Art der Gattung am Kahlenberg. Sie wächst im FFH-Gebiet auf den oberen Terrassen. Die Pflanze liebt offene Flächen in geschützten und kalkreichen Magerrasen. Der letzte lange Schneewinter und kalte Nächte bis in den Mai hinein schadeten den Pflanzen und ließen manche erfrieren. Das Helmknabenkraut steht wie alle Orchideenarten am Kahlenberg unter Naturschutz.

Pyramiden-Hundswurz (Anacamptis pyramidalis)


Der deutsche Artname dieser Orchidee bezieht sich auf den vor allem zu Beginn der Blütezeit pyramidenförmigen Wuchs des Blütenstandes. An der bis zu 50 Zentimeter hohen Pflanze erscheinen im Juni und Juli die acht bis zehn Millimeter großen Blüten. Die Blütenfarbe variiert vom leuchtenden Purpurrot über Hellrosa bis zum sehr seltenen reinen Weiß. Die Kelchblätter stehen waagerecht ab, das mittlere ist leicht nach vorne gebogen. Die Kronblätter neigen sich helmförmig dem mittleren Kelchblatt zu. Der lange und sehr dünne Sporn ist abwärts gerichtet.

Die stets dreigeteilte Lippe trägt am Grunde zwei nach vorn springende Leisten. Sie ermöglichen es Faltern, die Blüte zu bestäuben. Der anfangs pyramidenförmige Blütenstand erscheint in voll aufgeblühtem Zustand kegel- bis eiförmig. Die Bestände der Pyramiden-Hundswurz haben sich am Kahlenberg in den letzten Jahren ausgedehnt. An den Fundstellen wurden allerdings meist nur wenige Exemplare entdeckt.

Bienen-Ragwurz (Ophrys apifera)


Der Name der bizarren Bienen-Ragwurz (apifera = bienentragend) leitet sich wie bei allen heimischen Ragwurz-Arten von der Blütenform ab, die einem Insekt ähnelt. J. Schildknecht, der in den Jahren 1852 bis 1854 an der höheren Bürgerschule in Ettenheim unterrichtete, führt in der "Flora von Ettenheim" alle vier Ragwurz-Arten an: zu seiner Zeit wuchsen im Bereich des Kahlenbergs noch die Fliegen-, die Spinnen-, die Hummel- und die Bienen-Ragwurz. Leider ist heute davon nur noch eine der vier Arten zu finden - die Bienen-Ragwurz. Ophrys apifera wird nur selten von Insekten besucht, die Pflanze bestäubt sich selbst. Dadurch werden nur die eigenen Gene vererbt und die Art verändert sich von Generation zu Generation kaum im Aussehen. Diese Inzucht kann andererseits aber auch dazu führen, dass vom "Normaltyp" abweichende Erbmerkmale weitergegeben werden. Sie können zu äußerlich sichtbaren Veränderungen der Art, so genannten Varietäten, führen. Eine solche Varietät - Ophrys apifera var. aurita - kann man bei der Bienen-Ragwurz in Ringsheim entdecken. Sie hat sich besonders in den letzten Jahren verbreitet.

Ophrys apifera aurita besitzt im Vergleich zur Normalform der Blüte verlängerte Kronblätter. Diese sind etwa zwei Drittel so lang wie die Kelchblätter und über die gesamte Länge gleich breit, stumpf bis rundlich. Die Anzahl blühender Pflanzen der Bienen-Ragwurz in einem Biotop kann sich von Jahr zu Jahr stark verändern. Im Juni 2006 gab es nach den lang anhaltenden Niederschlägen des letzten Winters wesentlich weniger blühende Pflanzen als im vergangenen Jahr. Dies geschieht ebenso nach sehr milden Wintern, auf die aber ein extrem trockenes Frühjahr folgt. Eine Auswahl von typischen Begleitpflanzen der Bienen-Ragwurz lässt sich nur schwer treffen. Sie wächst in Beständen auf Magerrasen gemeinsam mit der blaugrünen Segge, der Fiederzwenke, der Zypressen- Wolfsmilch, der Blackstonia oder dem Reitgras. Sie findet sich sogar in den Beständen der Kanadischen Goldrute, die sich am Kahlenberg unerwünscht stark ausbreitet.

Auch zwischen anderen Orchideenarten wie der Sumpfstendelwurz und der Händelwurz fällt die Bienen-Ragwurz durch ihre außergewöhnliche Schönheit auf.

Bocksriemenzunge (Himantoglossum hircinum)


Mit einer Wuchshöhe von 60 und ausnahmsweise sogar bis zu 90 Zentimetern ist die Bocksriemenzunge die stattlichste Orchidee am Kahlenberg. Die zweieinhalb bis fünf Zentimeter großen Blüten entwickeln sich im Mai und Juni. Der bizarren Gestalt der Einzelblüte verdankt die Art ihren Namen. Der lange Mittelzipfel mit den zungenförmigen Seitenzipfeln der Lippe erinnert an einen Riemen. Den Blüten entströmt Bocksgeruch. Sie werden von kurzrüssligen Insekten wie Fliegen und Wespen bestäubt. Die deutsche Bezeichnung der Pflanze ist die wörtliche Übersetzung des botanischen Namens (himas = Riemen, glossa = Zunge und hircus = Bock).

Schon J. Schildknecht berichtet um 1850 von Beständen der Bocksriemenzunge am Rötelberg. Danach blieb sie lange verschollen. Im Mai 2002 wurde während einer Exkursion der Naturschutzwarte auf einer Magerwiese des FFH-Gebietes am Kahlenberg eine nur etwa 25 Zentimeter hohe Pflanze dieser Art gefunden. In den darauf folgenden Jahren war keine weitere Bocksriemenzunge zu entdecken. Mitte Mai 2006 wuchs jedoch am selben Standort die erwartete Riemenzunge größer und schöner in Blüte als ihre Vorgängerin. Die Bocksriemenzunge ist in West- und Südeuropa verbreitet aber selten. In Baden-Württemberg gibt es zum Beispiel am Kaiserstuhl und im Taubergießengebiet vereinzelte Vorkommen dieser Art. Die Pflanze ist in ihrem Bestand stark gefährdet, sie muss vielerorts als vom Aussterben bedroht betrachtet werden. Vor allem wirtschaftliche Maßnahmen beeinträchtigen oder zerstören die Standorte dieser Orchidee.

Weitere Pflanzenschönheiten im Kahlenberg-Gebiet


Pfirsichblättrige Glockenblume (Campanula persicifolia)


Aus der Familie der Glockenblumengewächse sind in Baden-Württemberg 14 Arten vertreten. Im Gebiet des Kahlenbergs fällt wegen ihrer Größe und Farbe besonders die Pfirsichblättrige Glockenblume auf. Sie hat sich in den letzten Jahren im Kahlenberg-Areal besonders stark verbreitet. Die Pfirsichblättrige Glockenblume ist eine ausdauernde Pflanze. Ihr aufrechter Stängel wird bis 80 Zentimeter hoch. Er ist kahl oder unten kurz behaart.

Die länglichen, gezähnten Grundblätter werden zum Stiel hin schmaler. Diese Glockenblume blüht von Juni bis August auf kalkhaltigen Böden, an Waldsäumen und halbschattigen Standorten. Ihre Blüten sind kurz gestielt und bilden eine armblütige Traube. Die Kelchblätter sind spitz und dreieckig. Die weitglockige Krone ist hell- bis dunkelblau und etwa vier Zentimeter lang. Die auffälligen Blüten sind für die Bestäubung durch Insekten besonders angepasst. Die Fruchtkapsel öffnet sich mit Poren und Klappen, die frei werdenden Samen sind klein und werden durch den Wind verbreitet.

Wald-Windröschen oder Großes Windröschen (Anemone sylvestris)


Zu den bemerkenswerten Pflanzen des Kahlenberg-Gebiets zählt auch das schöne Große oder Wald-Windröschen. Wie seine uns allen bekannten Verwandten im nahe gelegenen Auwald der Rheinniederung - das Buschwindröschen (Anemone nemorosa) und das Gelbe Windröschen (Anemone ranunculoides) - gehört es zu den Hahnenfußgewächsen. In den Auwäldern bedecken im März und April Windröschen und wenig später der Bärlauch große Flächen. Dagegen fallen im Kahlenberg-Gelände zunächst die kleinen Bestände des Großen Wald-Windröschens kaum auf. Sie entfalten sich zwischen den Trieben des Riesen- und Ackerschachtelhalms und Seggenbeständen. Der Wurzelstock des Großen Windröschens steigt schräg auf. Sein 30 bis 50 Zentimeter hoher Stängel ist aufrecht und trägt grob gezähnte Blätter. Auch grundständige Blätter gleicher Form sind stets vorhanden.

Die Pflanze blüht von April bis Mai. Die Blütenkrone des Großen Windröschens trägt fünf bis sechs elfenbeinfarbig weiße, rund fünf Zentimeter lange Blütenblätter, die außen lang behaart sind. Diese Pflanzen wachsen an Waldrändern, Böschungen und auf Halbtrockenrasen. Die typischen Begleiter des Großen Windröschens sind Fiederzwenke und Berg-Haarstrang. Auf den FFH-Flächen des Kahlenberg-Areals hat die Pflanze in den letzten Jahren im Bestand zugenommen. Im weiteren Kahlenberg-Bereich sind jedoch von den ehemals reichen Beständen schon viele verschwunden. Die Hauptgründe für den Rückzug dieser Pflanzenart dürften allgemein in der Nährstoff Überdüngung der Standorte liegen. Hierbei wird die konkurrenzschwache Art von anderen verdrängt. Außerdem wurden durch das Vordringen von Büschen und Wald manche Wuchsorte überwachsen, so dass die Licht liebende Pflanze nicht mehr gedeihen konnte. Auch die Flurbereinigung, besonders der Rebfluren, die Erweiterungen und das Verlegen alter Wege, durch die Böschungen zerstört wurden, haben wesentlich zum Verschwinden der Art beigetragen.

Das Pflücken und Ausgraben der attraktiven Pflanze spielt als Grund für den Rückgang nur eine untergeordnete Rolle. Die Pflanze wird von Pollen fressenden Käfern - insbesondere von Rosenkäfern und Bockkäfern - und weiteren Insekten bestäubt.

Der Durchwachsene Bitterling (Blackstonia perfoliata)


Der Durchwachsene Bitterling ist ein Vertreter der Enziangewächse. Die Gattung Blackstonia steht dem Tausendgüldenkraut (Centaurium), verwandtschaftlich sehr nahe. Der Durchwachsene Bitterling ist eine atlantisch-mediterrane wärmebedürftige Art und kommt in Deutschland selten noch an wenigen Standorten im Oberrhein-Gebiet vor. Er wächst auf wechselfeuchten, wasserundurchlässigen Tonböden (Sekundärterrassen), in lückigen Halbtrockenrasen, an Waldrändern und in Wegspuren. Auf den rekultivierten Terrassen des Südareals und den durch die Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie der Europäischen Union (FFH) geschützten Flächen des Kahlenbergs hat er sein größtes Vorkommen in Baden-Württemberg. Dort hat er sich im Laufe der letzten Jahre stark ausgebreitet.

In der Roten Liste wird der Durchwachsene Bitterling als stark gefährdet eingestuft. Er braucht offenen Boden für seine Entwicklung. Viele frühere Fundorte aus Baden-Württemberg sind erloschen und es gilt als unsicher, ob die bei uns immer seltenere Art auf die Dauer überleben kann. Deshalb muss sie als vom Aussterben bedrohte Art eingestuft werden. Die noch vorhandenen Vorkommen sollten unbedingt davor geschützt werden, dass sie von Buschwerk überwachsen oder aus anderen Gründen zerstört werden. Für diese Art wäre ein gesetzlicher Schutz empfehlenswert.

Merkmale und Biologie: Der Durchwachsene Bitterling ist ein einjährige Pflanze, seine Blütezeit ist im Juni bis zum August. Seine zehn bis 40 Zentimeter hohen bläulich bereiften Stängelblätter sind zum Stängel hin kaum verschmälert und auf der ganzen Breite verwachsen. Die Pflanze vermehrt sich durch Selbstbestäubung und wird mit dem Wind ausgebreitet. Der Name "Durchwachs" stammt aus dem Zürcher Oberland. Dort wird die Pflanze für Heiltees verwendet, die entwässernd wirken sollen.

Echtes Tausendgüldenkraut (Centaurium erythraea)


Das Tausendgüldenkraut ist ein ein- oder zweijähriges Enziangewächs. Die Pflanze wird zehn bis 50 Zentimeter hoch und ist aufrecht verzweigt. Sie hat eine grundständige Blattrosette. Die Blüten des Tausendgüldenkrauts sind rosa mit flach ausgebreiteten Kronzipfeln und blühen von Juli bis September. Die hübsche Pflanze wächst in lückigen Kalkmagerrasen und offenen Stellen der "Blackstonia-Flächen" auf den Terrassen des Kahlenbergs zwischen zahlreichen Orchideen wie der Sumpf-Stendelwurz und der Mückenhändelwurz. Die besonders geschützte Art ist nicht direkt in ihrem Bestand gefährdet, wird aber verbotenerweise immer wieder gepflückt und als Heilpflanze gesammelt.

Heute hat das Tausendgüldenkraut allerdings viel von seiner früheren Heilkraftwirkung gegen Appetitlosigkeit, Verdauungsbeschwerden und Fieber verloren. Der Name Tausendgüldenkraut ist ein alter Volksname, der wahrscheinlich auf eine missverständliche Übersetzung des Gattungsnamens Centaurium (lat. centum = Hundert, aurum = Gold) zurückgeht. Dabei wurde das "Hundert" in das volkstümliche Tausend umgewandelt und bezog sich auf die angeblich hervorragende Heilkraft der Pflanze. Im Elsass und in Baden gehört das Tausendgüldenkraut zu den neun Kräutern, die an Maria Himmelfahrt Mitte August in der Kirche geweiht werden. Daher kommt auch die Benennung "Muatter Gottes Chrut" (St. Gallen). Im Latein des Mittelalters hieß die Pflanze nach dem lateinischen Wort für Gold auch Aurina.

Kleines Tausendgüldenkraut (Centaurium pulchellum)


Als weiteres Tausengüldenkraut ist die im südlichen Europa verbreitete lichtbedürftige Art manchmal in Zwergbinsengesellschaften an angelegten Teichufern und in wechselfeuchten Kalkmagerrasen, sowie auf Lehm- und Tonböden anzutreffen. Sie wird nur zwei bis 15 Zentimeter hoch und besitzt am Grund keine Blattrosette wie das Echte Tausendgüldenkraut. Auch diese Art ist geschützt und sollte wegen ihres stetigen Rückgangs als gefährdet eingestuft werden.